Wenn das Pferd nicht tut, was es soll, ist das Problem immer im Sattel zu suchen. So eine alte Weisheit. 

Aber woran liegt es, wenn das Pferd seine Bereitschaft, mitzuarbeiten, aufkündigt?

Das Pferd steigt, bockt, rennt unter dem Sattel davon oder lehnt sich auf den Zügel. Der Reiter weiß sich nicht mehr zu helfen und ist mit der Situation zunächst überfordert. Schnell hört man den Reiter sagen, der Gaul ist widersetzlich oder der Bock testet seine Grenzen. Wer sein Pferd als ‚Gaul‘ oder ‚Bock‘ bezeichnet, disqualifiziert sich. Angebracht wäre eher, zu hinterfragen, warum sich das Pferd widersetzt beziehungsweise sich entzieht und wann der Streik des Pferdes mit meist subtilen Anzeichen tatsächlich begonnen hat. Denn meist muss das Pferd sehr deutlich werden, bevor der Mensch zuhört. 

Ein deutliches Zeichen des Pferdes ist meist der Verlust der Gehfreude. Anstatt nun mit Sporen und Gerte das Problem bewältigen zu wollen, wäre es durchaus angebracht, zunächst die Gesundheit des Lauftieres kontrollieren zu lassen, ist dieses Verhalten auch oft ein Anzeichen dafür, dass es irgendwo zwickt und zwackt. Zudem ist es unabdingbar, die Ausrüstung zu überprüfen. Nur weil der Sattel gestern noch passte, muss er das heute längst nicht mehr. 

Nimmt das Pferd bestimmte Hilfen nicht (mehr) an, ist davon auszugehen, dass das Pferd die Hilfegebung, immer vorausgesetzt, sie wird fehlerfrei ausgeführt, nicht versteht. Das Denken der Dressur hat sich völlig gewandelt, die meisten Reiter verstehen darunter das Abfragen und Abreiten diverser Lektionen. Hat das Pferd die Grundschule aber nicht ‚gründlich‘ absolviert, ist es ihnen schlichtweg unmöglich, diese Aufgaben konditionell auszuführen und zu verstehen, was es machen soll.  Es ist ein bisschen, als habe der Mensch den Kindergarten besuchen dürfen und solle nun ein 1er-Abitur ablegen. Nun mag es sein, dass der Reiter M-Dressur reiten kann, ist der Reiter damit aber auch im Stande, dem auf diesem Niveau unerfahrenen Pferd tatsächlich zu vermitteln, wie es funktioniert? Oft leider nicht. 

Nun ist es nicht selten die Folge, dass Lektionen bis zum Erbrechen ständig wiederholt werden, das Pferd letztendlich wiederholt genötigt wird, Bewegungsabläufe zu vollziehen, die es nicht versteht, denen es sich (noch) nicht gewachsen fühlt und schlichtweg überfordert wird. Aber selbst wenn das Pferd dem Niveau bereits entspricht, ein ständiges Wiederholen von Lektionen frustriert ein Pferd sehr schnell. Warum soll ein Pferd Tag ein Tag aus fliegende Wechsel trainieren, wenn es das kann und der Reiter weiß, dass das Pferd es kann?

Haltungsbedingungen, die dem Pferd ausreichend Bewegungsmöglichkeiten auch außerhalb des Trainings verwehren und Langeweile optimieren die neben den bereits genannten Aspekten Voraussetzungen, das gesunde Verhältnis zwischen Mensch und Pferd erkranken zu lassen. 

Pferde haben unterschiedliche Charaktere, wie wir Menschen auch. Es gibt gutmütigere, kooperativere, vom Wesen her ruhigere, aber auch unsicherere, dominantere und temperamentvollere Pferde. 

Die Kündigung der Pferde uns gegenüber kann sich in unterschiedlichen Bildern zeigen. Während die gutmütigeren Pferde dazu neigen, phlegmatisch zu werden und nicht mehr vorwärts zu wollen, wird das andere den Weg der Flucht suchen, um sein Heil zu finden. Sensible Pferde verspannen sich, werden unruhig und neigen zu Taktfehlern. Andere fressen den Kummer in sich hinein, schlagen mit dem Kopf oder verstecken sich hinter dem Zügel. Charakterstarke Pferde reagieren mit Steigen, Bocken, Scheuen und reißen dem Reiter die Zügel aus der Hand. 

Wie sich letztendlich das Pferd entzieht, spielt keine Rolle. In so einer Situation zu Hilfsmitteln wie etwa Schlaufzügel zu greifen, Hilfsmittel wie Gerte und Sporen zur Züchtigung zu missbrauchen, schärfere Gebisse oder schärfere gebisslose Zäumungen zu verwenden etc. ist äußerst fragwürdig. Fakt ist, ist das Pferd erst einmal mit Widersetzlichkeit in welcher Form auch immer beschäftigt, wird der Reiter keinen Fortschritt mehr erzielen können, auch nicht, wenn er versucht, die Symptome zu bekämpfen. 

Professionell und fair wäre, die Ursache(n) zu ergründen. Einem sich stetig steigendem Streit mit einem Pferd geht man aus dem Weg, so ein Streit kann entweder bis zur Eskalation führen, in der der Mensch nur haushoch verlieren wird oder bis zum Wesensbruch des Pferdes – etwas Verwerflicheres kann ein Mensch einem Pferd nicht zufügen und hat damit in meinen Augen nicht nur sein Gesicht verloren. 

Es ist immer ein guter Rat, wenn das Pferd einem die Zusammenarbeit verwehrt, was jedem passieren kann, einen Profi-Trainer hinzuzuziehen, einen Tierarzt zu konsultieren und einen Sattler die komplette Ausrüstung überprüfen zu lassen. Auch ist es hilfreich, den Ausbildungsstand des Pferdes zu hinterfragen und die Basis der Ausbildung des Pferdes zu überprüfen, oft ist diese viel zu schnell vollzogen und schließlich bleibt es nicht aus: auch der Reiter muss sich fragen, ob sein reiterliches Können ausreichend ist, ob er in der letzten Zeit im beruflichen und oder privaten Umfeld etwas unter Stress stand und seinem Pferd, wenn auch unbeabsichtigt, somit zu oft unter Anspannung gegenüber trat. 

by Sowhat

Bild: mein eigenes

inspiriert durch Dressurstudien

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One thought on “Wenn sich das Pferd weigert

  1. Endlich jemand der die Schuld auch bei sich sucht und nicht beim Pferd. Wie du so schön geschrieben hast, der Fehler liegt immer im Sattel. Pferde sind nie grundlos stur oder gar böse. Sie reflektieren uns und unser tun. Einen ehrlicheren Spiegel gibt es nicht.:)

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