Ich liebe meinen Partner. Ich liebe ihn wirklich sehr. Und als wir uns kennenlernten, machte er kein Geheimnis daraus, dass sein Haustier ihm das Wichtigste ist und er sehr viel Zeit mit seinem Haustier, liebevoll Faulsau genannt, verbringt.

Ich empfand das als derart verantwortungsbewusst und hingebungsvoll, dass ich mich um so mehr in diesen Mann verliebte und ich mir um so mehr eine tiefgründige und ernsthafte Partnerschaft vorstellen konnte. Wer sich so um sein Tier kümmert, der kümmert sich mit gleicher Hingabe um seine Partnerin.

Ein halbes Jahr später…

sah der Alltag unserer Partnerschaft in etwa so aus:

Kaum erwacht mein geliebter Partner, gilt sein erster Gedanke seiner lieben Faulsau. „Wie es Faulsau wohl geht, ob mit Faulsau alles in Ordnung ist…“

Und kaum aus dem Bett aufgestanden, um das Frühstück zu richten, wird genau an dem gleichen Thema angesetzt, mit dem am Abend zuvor das etwas einseitige Gespräch zu Ende ging: „Und als Faulsäuchen sich hinlegte und sich amüsant im Schlamm gewälzt hat, das war so toll, das hättest du sehen müssen und für das Fell und für die Haut ist der Dreck so gut, das wehrt die ganzen Insekte ab. Das ist Wellness pur für Faulsäuchen und verschafft ihm ein unglaubliches Wohlbefinden… und mich macht es so glücklich, Faulsäuchen so zu sehen.“

Schön, dass es Faulsäuchen so gut geht. Und so frühstücken wir gemeinsam und ich bekomme gefühlt das 43.687gste Mal detailliert erzählt, wie es war, als mein Partner Faulsäuchen das erste Mal sah.

Apathisch lasse ich diesen Monolog über mich ergehen, inzwischen aber sehr bemüht, mir meine Langeweile und meinen heraufkommenden Zorn nicht anmerken zu lassen. Und plötzlich beherrscht die Hektik unser Frühstück, klar, es ist Samstag. Samstags finden immer in näher gelegenen Ortschaften Faultierturniere statt und da mein Partner regelmäßig mit Faulsäuchen trainiert, wäre es auch allzu schade, Faulsäuchens antrainiertes Können in einem Wettbewerb nicht vorzustellen. Also beeilen wir uns und werfen uns in Faultierstallklamotten, die besseren natürlich – für das Turnier. Und so verlassen wir das Haus, um mit dem Auto meines Partners in den Stall zu fahren.

Ich liebe diesen „Duft“ in seinem Auto, aber so, wie Faulsäuchen für die Turniere trainiert wird, trainiere ich mich im „So wenig wie nötig Luft einatmen“, wenn wir mit Stefans Auto unterwegs sind. Wäre es nicht so auffällig und hätte ich die Möglichkeit, würde ich mir ein Ganzkörperkondom überziehen, denn an die ganzen Faultierhaare, die inzwischen in den Sitzen von Stefans Auto festgewachsen sind, habe ich mich bis heute nicht gewöhnt.

Am Stall angekommen, erfolgt die gleiche Prozedur wie jedes Mal. Es wird in einer Geschwindigkeit aus dem Auto ausgestiegen, wie ich sie nur aus Filmen bei einem Einsatz des Sondereinsatzkommandos kenne. Im Stechschritt wird in den Stall zielgerecht zu Faulsäuchens Box marschiert. Es werden die Beine, die Gelenke der Bauch, kurz gesagt jeder Millimeter von Faulsäuchens Körper inspiziert und ein jedes Mal hoffe ich, dass wirklich jedes Fellhaar in die richtige Richtung zeigt, um ein Desaster und Nervenzusammenbruch Stefans nicht miterleben zu müssen. Inzwischen hat sich auch bei mir ein Bauchweh vor jeder dieser Inspektionen eingeschlichen.

Dieses Mal hatte ich Glück – gut gemacht, Faulsäuchen, es ist alles genau da, wo es hingehört. Aber an den Duft in diesem Stall werde ich mich wohl nie gewöhnen. Seit ich diesen Duft eines Tages aus Versehen als Gestank bezeichnete und ich muss zugeben, auf die Reaktion, die auf diese Bezeichnung folgte, war ich keineswegs gefasst, habe ich das Wort „Gestank“ kategorisch aus meinem Wörterbuch im Gehirn gestrichen.

Faulsäuchen wird geknuddelt, abgeknutscht, mit Liebesschwüren beworfen, während sie für das Turnier poliert wird. Jedes Mal bin ich fassungslos, wie viel Zubehör Stefan inzwischen für Faulsäuchen angeschafft hat. Ich bin mir sicher, dass wir von den Kosten für das Zubehör eine halbjährige Weltreise hätten buchen können. Aber gut… Es ist Stefans Leidenschaft und sein Hobby, schade nur, dass ihm sein Geld für ein Dinner zu zweit zu schade ist, sofern Faulsäuchen nicht daran teilhaben würde.

Inzwischen glänzt Faulsäuchen wie aus dem Ei gepellt und ich bin fasziniert, mit was für einer Hingabe und Präzision Stefan Faulsäuchen sauber macht. Ich kann nichts dafür, aber in diesen Momenten muss ich immer an Stefans verdrecktes Auto denken, das sich auch ein wenig über diese Sauberkeits-Euphorie freuen würde. Aussprechen würde ich diese Gedanken niemals. Aus gutem Grund.

Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verbergen, wenn ich Stefan beobachte, wie er jauchzend vor Freude über sein ganzes Gesicht grinst, wenn Faulsäuchen ein Grunzen von sich gibt. Das muss Liebe sein.

Faulsäuchen ist so weit und wir fahren zum Turnier. Dort treffen wir auf weitere Faulsäuchenbesitzer und so stehen wir an der Absperrung zum Vorführplatz und ich schaue in die Gesichter dieser Besitzer, wie sie mit einer Euphorie jubeln, klatschen und wie deren Augen erst leuchten, während sie auf den Vorführplatz schauen und all diesen Faultieren zuschauen, wie sie im Kreis umherlaufen. Auf Kommentare wie „Schau Dir mal die Hinterhand an, wie sie toll unterschiebt und so vorne äußerst fabelhaft aus der Schulter kommt!“ habe ich mich inzwischen gewöhnt und versuche erst gar nicht mehr, davon etwas verstehen zu wollen…

Aber eines weiß ich jetzt schon ganz genau. Ich weiß, was unsere tiefgründigen Gespräche die kommende Woche tagein und tagaus zu jeder Tageszeit, die wir miteinander verbringen, beinhalten werden.

Aber zugegeben. Auch ich habe Faulsäuchen inzwischen lieb gewonnen, auch wenn sie stinkt und ihr unglaublich viel Geld in den Schlund gestopft wird, was hinten unverwertbar wieder raus kommt. Sie besitzt inzwischen mehr Winterjacken und ein unglaubliches Sortiment an Sportutensilien als ich.

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