Wer von uns kennt ihn nicht, den Traum, auch ein Teil des größten Glücks der Erde zu sein und auf dem Rücken des Pferdes zu sitzen. Perfektioniert wird dieser Traum durch eine Kulisse eines Strandes, den wir mit unserem Pferd entlang galoppieren.

Aber es gibt ihn immer, diesen Anfang, ob man nun Kind ist oder schon den Erwachsenen angehört. Dennoch ist heute im Vergleich zu früher einiges anders geworden, auch wir Menschen sind anders geworden.

Vieles hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. War es noch vor nicht allzu langer Zeit gewöhnlich, Pferden eine Ständerhaltung zuzumuten, so verurteilen wir heute die reine Boxenhaltung – und das ist auch gut so.

Aber auch wir Menschen haben uns geändert, so werden wir Frauen in unseren Jobs immer erfolgreicher, sind im Vergleich zu vor ein paar Jahrzehnten unabhängiger und werden immer später Mütter. Zudem werden wir Menschen immer größer und inzwischen wachsen wir auch völlig anders auf. Bekommt das Pferd unabhängig vom Menschen immer mehr Bewegungsmöglichkeiten, so sehe ich die Entwicklung bei uns Menschen etwas kritischer. Ich provoziere und sage bewusst:

Das Kind in der Boxenhaltung und das Pferd im Offenstall

Wenn ich unsere Kinder der Gesellschaft heute betrachte, so sehe ich immer die gleichen Bilder vor mir. Sie sitzen mindestens den halben Tag in der Schule, kommen nach Hause, sitzen am Esstisch, sitzen im Anschluss daran im Kinderzimmer und machen brav ihre Hausaufgaben, um letztendlich mehrere Stunden mit dem Handy zu daddeln und den Tag erfolgreich am Game-PC oder an der Playstation hängend zu vollenden. Ich vergaß, zwischendurch muss natürlich auch Fernsehen geschaut werden.

Gäbe es den Schulsport nicht, würde es für manche Kinder und Heranwachsende recht eng werden, was die körperliche Betätigung angeht.

Es gibt viele Angebote, viele Vereine, die um Mitglieder, vor allem im Kinder- und Jugendverein, werben. Förderungen werden gestellt, Eintrittsgelder erlassen und dennoch weisen nahezu alle Vereine rückläufige (aktive) Mitgliederzahlen auf.

Und sind wir ehrlich – die Freizeitgestaltung unserer Kinder außer Haus gestaltet sich für uns oft stressig. Wir müssen die Kinder zu den Trainingseinheiten fahren, um sie nach kurzer Zeit wieder abzuholen oder vor Ort uns die Beine in den Bauch zu stehen, während zu Hause der Haushalt auf uns wartet. Wir genießen es, wenn das Kind beschäftigt ist. Und wenn das vor dem Fernseher ist, dann ist das eben so, denn auch wir brauchen Zeit für uns, um mal durch zu schnaufen oder den Haushalt auf die Reihe zu bekommen.

Was ich kritisch dabei sehe, ist, dass die aktive Bewegung unserer Kinder verkümmert. Es entstehen neue psychische Krankheiten wie ADHS, die wiederum mittelfristig von der Verhaltenspsychologie verworfen werden. Mangelnde körperliche Aktivitäten im Kindesalter führen dazu, dass sich das Gleichgewicht nicht ordentlich entwickeln kann. Die Balancefähigkeit bleibt auf der Strecke. Die Bemuskelung, wenn überhaupt erkennbar, weicht dem Übergewicht oder der Magersucht. Die Kinder sind häufiger aufgedreht, unkonzentriert oder sie sind in sich gekehrt. Das Gleichgewicht zwischen Körper und Seele geht verloren, da die Waage der körperlichen Belastung mit der der psychischen nicht mehr übereinstimmt.

Aber irgendwann kommt der Tag und die Sehnsucht, die wir tief in uns tragen, gewinnt. Die Sehnsucht der Freiheit, das Gefühl des Fliegens und der Mensch möchte seinen Traum verwirklichen. Ist der Traum beispielsweise der Reitsport, so wird der Mensch nicht lange auf sich warten lassen, eine Reitschule aufsuchen und er wird bitter feststellen, wie steif er (geworden) ist, unfähig sein Becken den Bewegungen des Pferdes folgen zu lassen. Die Koordination, die Motorik, die Kondition – all diese Fähigkeiten sind verkommen. Selbstverständlich, mit ein wenig Fleiß und jahrelangem, gezielten Training werden diese Fähigkeiten wieder gut, aber so spielend leicht, wie wir sie als Kind mit genügend „Auslauf“ gelernt hätten, ja, spielerisch durch körperliche Aktivitäten gelernt hätten, so spielend leicht werden wir diese Fähigkeiten nicht mehr erlernen und optimieren können.

Neben den körperlichen Fähigkeiten ändern sich auch die sozialen. Die Empathie für Lebewesen, das Verantwortungsgefühl für Lebewesen, Sorgfaltspflicht und Ordnung, all diese Werte verschieben sich. Von Kindesbeinen an lernen wir, Dinge, die sich bewegen, abzuschießen und dürfen in vielen Spielen Siege feiern, wenn wir Lebewesen töten.

Aber unser Pferd, das muss genügend Auslauf haben, am besten stellen wir es in einen Offenstall, noch besser in einen Aktivstall, denn da hat es Bewegung genug und es nicht schlimm, wenn ich ein paar Mal die Woche nicht zum Pferd komme. Das Pferd kann sich ja bewegen so viel und wie es möchte. Aber auch hier möchte ich ernüchtern. Das tut das Pferd nicht. Auch die optimierte Haltung erreicht nicht ansatzweise das Pensum, das das Pferd an einem Tag erreichen sollte. Jeder Tag, an dem das Pferd sein Bewegungspensum nicht erreicht, ist nicht wieder gut zu machen und das gleiche gilt auch für unsere Kinder.

Schließlich bleibt zu sagen, dass dies natürlich nicht auf alle Kinder und Menschen zu übertragen ist. Was ich hier beschreibe, ist eine Entwicklung der letzten Jahrzehnte, der ich etwas kritisch gegenüber stehe. Die weiteren Folgen bleiben noch abzuwarten.

 

Herzlichen Dank an Karin Bottländer für das wunderschöne Bild, das ihr Pferd Massimo zeigt. Massimos Geschichte, ich kann es nur empfehlen, könnt Ihr hier nachlesen und folgen:

http://www.weltbild.de/3/18889099-1/buch/massimo.html

 

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3 thoughts on “Das Kind in der Boxenhaltung und das Pferd im Offenstall

  1. Wie recht du hast! Als ich noch in der Grundschule war ist man nachmittags raus egal bei welchem Wetter. Das hängt immer noch in mir :gutes Wetter raus!:

    Wobei ich auch faul geworden bin und auch am Handy und PC hänge oder am tv. Hätte ich kein Pferd wäre ich wohl noch fauler ^^

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      1. Ich auch nicht. Ich würde vor PC und Handy versauern vermutlich. Wobei ich auch noch radeln oder im Winter borden gehe. Trotzdem ist ein Pferd ein gutes Hobby. Als Alternative zum Stubenhocker 🙂

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