Es ist in aller Munde: die natürliche Schiefe und die Geraderichtung.

Warum es immens wichtig ist, sich vor allem am Anfang der Ausbildung einer Remonte mit diesem Thema auseinanderzusetzen, möchte ich in diesem Artikel leicht und verständlich erklären.

Nicht alle, aber fast alle Pferde, werden mit einer natürlichen Schiefe geboren. Wissenschaftlich ist noch nicht geklärt, weshalb dies der Fall ist. Der Volksmund sagt: „Je nachdem, auf welcher Seite das Fohlen im Leib seiner Mutter liegt, wird die Schiefe beeinflussend festgelegt“. Oder: „Man erkennt die natürliche Schiefe daran, auf welche Seite die Mähne kippt“.

Verlässlicher finde ich den Hinweis, dass Pferde eine Seite haben, zu der sie die Kruppe etwas versetzen und Folge dessen haben sie ein Hinterbein, das stärker ist, was wieder rum dazu führt, dass sie ein kräftigeres und schwächeres diagonales Beinpaar haben und somit schließlich durch diese Asymmetrie auch mit einer Schulter mehr Gewicht tragen. Ist ein Pferd noch nicht geradegerichtet, hört man den Menschen auch sagen: „Links ist seine schlechte Seite, rechts seine starke Seite.“

Nun ist es unabdingbar, wenn ich ein Pferd gesund und lange reiten möchte, dass eine Geraderichtung erarbeitet wird.

Was bedeutet es, wenn ein Pferd geradegerichtet wurde?

Wir erinnern uns: So lange ein Pferd nicht gerade gerichtet wurde, läuft es in jeder Gangart mit seiner natürlichen Schiefe – ob mit oder ohne Reiter.

Wurde ein Pferd gerade gerichtet, so ist die Hinterhand in der Lage, der Spur der Vorhand zu folgen. Die Hinterbeine sollen symmetrisch abfußen und die Schultern gleichmäßig frei sein. Dies sollte nicht nur auf gerader Linie der Fall sein, sondern auch auf gebogener Linie oder im Zirkel. Die Geraderichtung erarbeitet man vor allem mit Gymnastizierung des Pferdes. Beide Seiten müssen gleichmäßig gearbeitet werden, selbst wenn  man den Eindruck hat, dass das Pferd auf einer Seite nicht richtig kooperiert.  Eine große Hilfestellung bieten dabei die Seitengänge. Nur Seitengänge, die sich im übrigen auch prima vom Boden aus trainieren lassen, transportieren das Gewicht von einer Schulter zur anderen und aktivieren bei korrektem Einsatz die schwächere Hinterhand und stärken diese. Ebenso sind Schulterherein und Kruppeherein hervorragende Trainingsmethoden, um an die Geraderichtung des Pferdes zu erarbeiten.

Ist das Pferd geradegerichtet, wird es alle Gelenke gleichmäßig nutzen – eine Überlastung bestimmter Gelenke, Sehnen und Bänder bleibt somit verschont.

Die Balance

Mindestens genauso wichtig ist die Balance der Pferde. Ist man der Meinung, Pferde ohne Reiter würden in Balance laufen, so befindet man sich auf einem Irrweg. Das Pferd muss erst lernen, sich selbst in allen Gangarten in Balance zu tragen, bevor es den Reiter in Balance tragen kann. Überspringt man diesen Ausbildungspunkt, wird man aller Voraussicht nach nie ein ruhiges Pferd besitzen. Denn das ist die Basis. Die Vorhand-Hinterhand-Koordination und das Körperbewusstsein des Pferdes vermittelt ihm Sicherheit. Meine Meinung zur Balance ist ganz klar: Das Wichtigste ist, dass das Pferd unter dem Reiter in Balance kommt, um den Reiter schadenfrei tragen zu können. Und dabei ist es egal, ob es sich um ein Dressur-Sportpferd oder um ein Geländepony handelt. Jedes Pferd sollte in der Lage sein, mindestens eine E-Dressur gehen zu können. Verfügt das Pferd über genügend Kraft, Koordination und Balance, sollte am beziehungsweise im Takt des Pferdes dessen Ausbildung weiter in Betracht gezogen werden.

Der Takt

Wenn man über die Themen „natürliche Schiefe“ und „Balance“ spricht, kommt man nicht umher, auch über den Takt zu sprechen. Um den naturgegebenen Takt eines Pferdes feststellen zu können, der auch von Natur aus nicht immer rein sein muss, empfiehlt es sich, Pferde bei freiem und natürlichem Gang zu beobachten. Jedes Pferd hat seinen individuellen Takt. Ebenso kann man sich ein Pferd auch vorführen lassen. Dabei sollte man einen Helfer das Pferd auf sich zu führen lassen, um das Pferd beim Gang von vorne zu betrachten, danach von sich weg führen lassen, um den Gang von hinten zu sehen und schließlich sollte man sich den Gang auch von der Seite betrachten. Es empfiehlt sich, dabei auch mal die Augen zu schließen und die Abfolge der Abfußung zu hören.

Unter Takt versteht man das räumliche und zeitliche Gleichmaß von Schritten, Tritten und Sprüngen. Es handelt sich also um einen gleichmäßigen Bewegungsfluss in den drei Grundgangarten, der auch bei Übergängen und auf gebogenen Linien eingehalten werden sollte.

 

Es macht keinen Sinn, am Takt zu arbeiten, wenn das Pferd nicht gerade gerichtet wurde, nicht über genügend Kraft und Koordination verfügt und die Balance ohne und vor allem mit Reiter nicht erarbeitet wurde, denn ohne Geraderichtung gibt es keinen sauberen Takt. Wer die Geraderichtung des Pferdes versäumt, wird ein Pferd ausbilden, das spätestens in der Piaffe für jeden ersichtlich ungleich tritt. Es wird ein Diagonal mehr benutzen als das andere oder mit einem Hinterbein zurücktreten.

Prinzipiell erkennt man Taktfehler in ruhigeren Bewegungen besser als in schnelleren, gerade deshalb treiben viele Reiter ihre Pferde ununterbrochen in ein hohes Tempo. So werden viele Fehler verdeckt und dem Betrachter ein künstlicher Takt vorgegaukelt.

Aus der alten Reitlehre lernen wir, dass der Grundausbildung der Remonte, die letztendlich als Basis für alle weiteren Ausbildungsschritte fungiert, mindestens 2 Jahre! eingeräumt wird.

Leider sieht die Realität heute anders aus und allzu oft sehe ich 5-jährige Pferde, die bereits M-Dressuren gehen, wo sie, legt man wert auf eine stabile und gesunde Grundausbildung, maximal auf einem Stand sein sollten, die einer guten und altersgerechten Bemuskelung, einer Geraderichtung, einer Balance unter dem Reiter und taktreinen Grundgangarten auf gerader und gebogener Linie entsprechen sollte. Es ist, als wollte ich, dass mein Kind 10-jährig das Abitur ablegt.

 

 

 

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