Vieles hat sich in den letzten Jahrhunderten und gar Jahrzehnten geändert. Unter anderem auch, was die Ordnung bezüglich der Bekleidung des Reiters angeht.

Heute sprechen wir vom Reitsport oder Freizeitreiten. Es spielt dabei keine Rolle, für welche Sparte der Reiterei Sie sich entschieden haben – jede Sparte der Reiterei führt in der Regel auf die klassischen Grundsätze der Reiterei zurück, beginnend mit Xenophon, Schüler des Sokrates. Aber vieles, was heute in der Reiterwelt zu sehen ist, erinnert nicht ansatzweise an das, was man als klassische Grundsätze  der Reitkunst bezeichnen könnte.

Die Ausstattung des Reiters

Wenn Sie entschieden haben, sich der Reiterei zu widmen, ist es sinnvoll, dass Sie eine Vorstellung haben, für welche Sparte der Reiterei Sie sich am meisten interessieren. Hören Sie dabei auf Ihr Gefühl, schauen Sie sich die verschiedenen Reitweisen reell, auf Bildern und auf Videos an. Schnell werden Sie fühlen, zu welcher Sparte Sie sich hingezogen fühlen.

Keine Sorge: Reiten bedeutet eine stete Entwicklung und es kann durchaus vorkommen, dass Sie den Weg, für den Sie sich anfänglich entschieden haben, verlassen, um einen neuen Weg einzuschlagen. Das kann auch nach 20 Jahren der Fall sein.

Sind Sie Späteinsteiger? Kein Grund zur Unruhe, davon gibt es viel mehr, als Sie vermuten. Fühlen Sie sich deshalb nicht benachteiligt und setzen Sie sich aus diesem Grund auch nicht unter Druck.

Ungeachtet dessen sollte die Reitbekleidung stets zweckmäßig und sportlich elegant sein.

Denken Sie immer daran. Haben Sie sich entschieden, mit dem Reiten zu beginnen, werden Sie vor allem eines brauchen. Ein Pferd. Dabei spielt es keine Rolle, ob es Ihr eigenes Pferd oder ein geliehenes Pferd sein wird. Ohne Pferd wird es für Sie keine Reiterei geben, aber ohne Ihre Reiterei wird es noch immer das Pferd geben. Ich bringe das deshalb mit Nachdruck zum Ausdruck, da dieser genannte Umstand allzu oft in Vergessenheit gerät. Allein dieser Umstand zollt dem Pferd gegenüber Respekt – ohne wenn und aber und das auch nicht nur auf seinem Rücken.

Seit Menschengedenken ist es der Fall, dass Menschen ihren Respekt und ihre Achtung auch mit der Wahl ihrer Kleidung zum Ausdruck bringen. So würde es uns beispielsweise nicht in den Sinn kommen, die Kirche in einem Leder-Minirock mit Overknee-Stiefeln zu betreten. Und ebenso würden wir vermutlich nicht zu Bermuda-Shorts greifen, wenn wir uns von der besten Seite bei dem anstehenden Vorstellungsgespräch zeigen möchten.

Für die Reiterei benötigen Sie eine Reithose. Hier sollten Sie zwischen Jodhpur- oder Stiefelhose wählen. Es gibt auch viele Reiter, die in Jeanshose sehr gut reiten können, aber bedenken Sie, dass Nähte mit der Zeit unangenehm werden können. Entscheidend ist, dass Sie sich wohl fühlen und Ihnen keine drückenden Nähte die Freude am Reiten trüben.

Für Einsteiger würde ich die Stiefelhose empfehlen, da es sich bewährt hat, mit hohen Reitstiefeln das Reiten zu lernen, da diese Sicherheit geben und einem ruhige Schenkel und Sitz erleichtern sowie den Unterschenkel fixieren. Für einen Profi allerdings wäre es unzumutbar, den ganzen Tag in Stiefeln zu verbringen.

Handschuhe empfehlen sich, wobei manche Reiter darauf bestehen, ohne Handschuhe zu reiten, da sie ohne Handschuhe gefühlvoller reiten können. Aber spätestens beim Führen eines Pferdes oder bei der Bodenarbeit mit Pferd sind Handschuhe zu empfehlen. Wer einmal erlebt hat, welch schlimme Verbrennungen oder Verletzungen man sich an der Hand zuziehen kann, wenn ein Pferd erschrickt und einem den Strick oder Zügel durch die Hand gezogen wird, wird gerne auf Handschuhe zurückgreifen. Das gleiche gilt für das Longieren.

Die Damen unter uns sollten Ihr langes Prachthaar unbedingt zum Pferdeschwanz oder Knoten binden, um Verletzungen durch Hängenbleiben zu vermeiden und eine gepflegte Erscheinung zu bewahren.

Das Reiten mit Helm sollte die ersten Jahre obligatorisch sein, beim Ausreiten, Anreiten junger Pferde und Springen unverzichtbar sein. Dennoch werden Sie feststellen, dass versierte Dressurreiter meist ohne Helm reiten, was nicht unbedingt vernünftig ist, doch auf dem Turnier tragen Dressurreiter in den gehobenen Klassen Zylinder oder Melone, was auf eine alte Tradition aus dem 19. Jahrhundert zurückzuführen ist.

Die Oberbekleidung sollte praktisch sein. Im Sommer empfehle ich Poloshirts, unbedingt sollten die Schultern bedeckt sein und der Büstenhalter nicht aus dem Shirt hängen – schließlich wollen Sie sich und Ihr Pferd elegant und mit Anmut zeigen. Auch sollte die Oberbekleidung unbedingt die Figur erkennen lassen, damit Ihr Reitlehrer die Chance hat, Sie exakt zu korrigieren. Ebenso sollte die Silhouette Ihres Rückens und der Schulterpartie erkennbar sein. Kurzum – den Schlabberlook heben Sie sich für die gemütlichen Abendstunden bei Ihnen zu Hause auf der Couch auf, auch in Anbetracht der Tatsache, das Reiten immer unter den ästhetischen Gesichtspunkten zu sehen.

Vergessen Sie nie: es geht beim Reiten darum, Ihr Pferd optimal herauszubringen und nicht sich selbst durch schrilles Auftreten in Szene zu setzen.


 

Wenn Sie an Turnieren teilnehmen, beachten Sie bei folgenden Reitsparten die genannten Kleiderordnungen:

  • Dressur

Als Dressurreiter wollen Sie durch Können auffallen und nicht durch modische Gags. Im Wettkampf sind weiße Reithose, Schaftstiefel, gedeckt farbiges Sakko, weiße Bluse oder Hemd, Plastron, weiße Handschuhe, Kappe beziehungsweise Zylinder. Den schalähnlichen Plastron benutzte man früher, um beim Jagdritt Verletzungen schnell verbinden zu können und ist somit auch auf eine alte Tradition zurückzuführen.

  • Springreiten

Springreiter sind dynamische Reiter. Das spiegelt sich auch in der Kleidung aus. Klassisch ist die Grundtendenz. Helle, meistweiße Hose, Schaftstiefel, aber, anders als in der Dressur, zeigt sich hier die Mut zur Farbe. Das Sakko braucht nicht schwarz zu sein und der Helm ist beim Springreiten vorgeschrieben.

  • Vielseitigkeitsreiten

Bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts noch als Military ausschließlich für Militärpferde ausgeschrieben, tragen heute die Vielseitigkeitsreiter, auch Buschreiter genannt, weiße Reithosen, Schaftstiefel, Military-Helm und Schutzweste.

  • Jagd

Dem Fuchs oder sonstigem Getier geht es heute nicht mehr an den Kragen. Stattdessen folgen Sie heute einer künstlich gelegten Schleppe. Als Jagdreiter tragen Sie schwarze Stiefel, weiße bis cremefarbene Reithosen, Plastron, für Herren roter, schwarzer oder grüner Rock, für Damen schwarzer, grüner oder blauer Rock, Sturzkappe oder Reithelm. Aber Achtung. Den roten Rock tragen Sie bitte erst, wenn Sie bereits über ein oder auch gerne zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Jagdreiterei verfügen. Ansonsten werden Sie zwar nicht disqualifiziert, aber zweifelsohne müde belächelt.


 

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Kleidung zweckmäßig und elegant sein sollte. Durch eine gewisse Eleganz der Kleidung zollen Sie, wie eingangs erwähnt, dem Pferd und der Kunst, die Sie mit ihm ausüben möchten, einen bestimmten Respekt. Und dies ist auch im Sport und im Training möglich. Denn Respekt sollte man seinem Pferd, ob es das eigene ist oder geliehen, in jeder Sekunde zollen, die man mit ihm verbringt.

Und da wir gerade bei den Äußerlichkeiten sind, beachten Sie bitte auch Ihren verbalen Umgang im Stall und mit Ihrem Pferd. Vermeiden Sie in jeder Situation und an jedem Ort unkultiviertes Brüllen mit dem Pferd sowie vulgäre Kraftausdrücke. Ihr Ziel sollte sein, mit Ihrem Pferd auf ein hohes Niveau an Harmonie und Ästhetik zu gelangen und das ist mit genannten Entgleisungen Ihrerseits schlichtweg nicht möglich. Denn Reiterei ist auf Kunst zurückzuführen, in der Respekt, Geduld, Entwicklungsbereitschaft, Kultur, Verantwortungsbewusstsein, Vorbildfunktion und ein gewisses Maß an Intelligenz ganz groß geschrieben wird.

 

Bild: Max Liebermann: Reiter und Reiterin am Strand, 1903. Quelle Schütersche, Reiter Knigge, Philippe Karl, Anja Beran
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2 thoughts on “Kleider machen Reiter – Etikette im Reitsport

  1. Mir erschließt sich der Sinn nicht, warum die Schultern beim Reiten bedenkt sein müssen (außer was von mir aus den ästhetischen Look angeht)? Selbst in meiner Ausbildung zur Pferdewirtin habe ich in Spaghettitops im Hochsommer die Pferde ausgebildet und bin dadurch keinen Deut schlechter geritten oder habe mich bei Kunden blamiert (trägerloser BH vorausgesetzt^^) 😉
    Und beim Satz „Für einen Profi allerdings wäre es unzumutbar, den ganzen Tag in Stiefeln zu verbringen.“ muss ich wiedersprechen. Gute (Echt-)Lederreitstiefel sind bequem genug um sie den ganzen Tag anzuhaben. Hätte ich nach jedem Pferd die Stiefel gewechselt, wäre ich gar nicht mehr zum Reiten gekommen 😀
    Beim Schlabberlook in Bezug auf den ästhetischen Aspekt gebe ich dir Recht, aber glaube mir, ein geschultes Auge erkennt hängende oder verdrehte Schultern, einen runden Rücken oder eine schiefe Haltung der Wirbelsäule auch in Schlabbershirts 😉

    LG von einer gelernten Pferdewirtin 😉

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    1. Das hat schlichtweg nichts mit reiten können oder nicht reiten können, sondern eher etwas mit Tradition. Als Maßstab wurde immer das Poloshirt genommen, das ja bekanntlich aus dem Poloreitsport stammt und die Schultern dabei bedeckt sind und der Kragen Pflicht – ähnlich wie beim Golfen. Es galt früher als gehobener Sport bzw. Kunst mit Hang und Drang zu Sitte und Ordnung. Schulterfreiheit im Alltag war damals mehr als verpöhnt. Heute ist es für mich ausschließlich der ästhetische Gesichtspunkt. Vor 30 Jahren, als ich das erste mal eine gehobene Reitschule besuchte, wurde auf die Äußerlichkeiten sehr viel wert gelegt – bei Pferd, Reiter und Zubehör.

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