In den Dressur-Studien Nr. 2/2009, die ich die Tage wieder in den Händen hatte, bin ich auf den offenen Brief von Philippe Karl aus dem Jahr 2009, den er an die Geschäftsführung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) richtete, wieder aufmerksam geworden.

Ich möchte Euch diesen Brief nicht vorenthalten und Euch bitten, ein paar Minuten seine Worte auf Euch wirken zu lassen, denn nicht alle schauen der Entwicklung sorglos zu.

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

aufgrund der zunehmenden Professionalisierung des Pferdesports und dem wachsenden Druck der wirtschaftliche Zwänge, hat sich die Bedeutung des guten und qualitativen Reitens und die offizielle Reitlehre innerhalb der letzten 30 Jahre dramatisch geändert.

Dressur, welche die Grundlage der Ausbildung eines jeden (seriösen) Reitlehrers / Trainers bilden sollte, sollte gleichzeitig auch die Grundlage und das beste Beispiel für die klassische Ausbildung des Pferdes sein.

Stattdessen mutierte die Dressur sowie die Ausbildung des Pferdes zu einer oberflächlichen Zwangsausbeutung des Pferdes.

Ein hoher Anteil der Pferde zahlen den Preis dafür und das unter den von fast völlig gleichgültig wirkenden Augen der zuständigen und verantwortlichen Behörden und Autoritäten.

In jeder Ebene der nationalen Verbände der FEI, sei es aus Unwissenheit oder Selbstgefälligkeit, haben die Richter nach und nach das Unakzeptable zur Norm werden lassen. Dieser tragische Irrweg ist leider weltweit zu beobachten.

Aus ethischen und ästhetischen Gesichtspunkten führt dieser Umstand zu ernsthaften kulturellen rückläufigen Entwicklungen.

Die Reihen derer, die eine derartige Reitkultur ablehnen, wachsen stetig.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung nimmt in der Welt des Dressursports eine der einflussreichsten und stärksten Position ein. Als solche sollte die Deutsche Reiterliche Vereinigung eine Überarbeitung, Verbesserung, schlechthin eine Reformierung in die Wege leiten, um die tragischen Umstände im Sinne der Pferde wieder zu korrigieren. Jedenfalls würde der Deutschen Reiterlichen Vereinigung so eine große Ehre gewiss.

Hingegen wäre es naiv zu glauben, dass eine geschickte Umformulierung, anders gesagt, Manipulation der Ausbildungsskala, ein paar nette Sätze über „Harmonie“, „Gymnastik für das Pferd“, oder ein paar nette Worte über die „klassische Reitkunst“ auch nur ansatzweise ausreichen könnten, um einen Richtungswechsel oder eine wirkliche Kursänderung zu erzeugen.

Was wir brauchen, ist ein vernünftiges, klares und nachvollziehbares Reglement, welches sich leicht in die von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung festgelegten Strukturen unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen, Regeln und Zielvorgaben einfügen lässt und auch von der Reiterwelt ausführen und umsetzen lässt, was einzig und allein darauf abzielt, unsere Pferde zu schützen und die jetzige Form von „Straftäterturnieren“ zu untersagen und für eine gesunde Ausbildung, ein gesundes Training und eine für das Pferd deutlich gesündere Wettkampfreiterei fördern.

In diesem Sinne möchte ich vorschlagen, dass die Deutsche Reiterliche Vereinigung folgende, konkrete Punkte in ihr Regelwerk aufnimmt:

  1. Hilfszügel an dem Gebiss des Pferdes verschnallt, sind verboten. Dabei ist es unwesentlich, ob das Pferd longiert oder geritten wird.
  2. Eng verschnallte Sperrriemen sind verboten, sowohl im täglichen Training als auch auf dem Turnier. Darüber hinaus ist es zulässig, ein Pferd ohne Sperrriemen auf sämtlichen Turnieren in allen Klassen vorzustellen.
  3. Das Maul des Pferdes muss unmittelbar vor jeder Prüfung kontrolliert werden. Jede Form von Verletzung am oder im Maul führt zur Disqualifikation.
  4. Jedes Pferd, das Verletzungen durch den Einsatz von Sporen aufweist, führt zur Disqualifikation des Reiters.
  5. Das Einrollen des Pferdes (Nase deutlich hinter der Senkrechten), ungeachtet in welcher Bewegung, wird mit bis zu 3 Strafpunkten geahndet.
  6. Blockierte Kiefer des Pferdes, heraushängende oder nach oben gerollte Zungen sowie Zähneknirschen werden mit bis zu 4 Strafpunkten geahndet.
  7. Die Dehnungshaltung, in der die Mähne des Pferdes nahezu horizontal liegt und die Nase sich dabei etwas vor der Senkrechten befindend, wird fester Bestandteil einer jeden Dressurprüfung und dies in allen drei Grundgangarten und je auf beiden Händen.
  8. Der Schritt wird in den Dressurprüfungen wieder als vollwertige Gangart eingesetzt. Der Schritt macht bis zu 30% der Gesamtnote aus, zumindest sollte dies in den E-, A-, L- und M-Prüfungen der Fall sein. Sollte ein Pferd durch Lateralisation (Pferd kommt dem Pass nahe) auffallen, führt dies umgehend zur Disqualifikation
  9. Bei Jungpferdeprüfungen oder Auktionen müssen die jungen Pferde in Dehnungshaltung in allen drei Grundgangarten vorgestellt wurden, wobei der Reiter im Trab leichtzutraben hat.

 

Es dauerte etwa 3 Monate, bis die FN im Stande war, auf Philippe Karls Brief zu antworten. Unklar ist, ob es je zu einer Antwort gekommen wäre, wenn Philippe Karl diesen Brief der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht hätte.

Die Öffentlichkeit wurde aufmerksam und die Briefe wurden der Öffentlichkeit auch weiterhin bekannt gegeben.

Im dritten Briefwechsel schlug die Deutsche Reiterliche Vereinigung Philippe Karl vor, sich in Warendorf zu treffen, um sich über die unterschiedlichen Auffassungen beider Reitphilosophien in Theorie und Praxis auszutauschen. Philippe Karl begrüßte diesen Vorschlag der FN.

Aber:

Die FN sagte ohne Angabe von Gründen und ohne Vorschlag eines Ersatztermins das geplante Treffen im Juli 2010 ab, welches für den 30.08.2010 angesetzt war.

Aus sportlicher Sicht und im Sinne der Pferde empfinde ich dieses Verhalten als äußerst negativ.

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