Totgesagte leben länger! – Das Schicksal des Lion Heart

Heute möchte ich von einem Pferd erzählen, das (bislang) noch keinen nationalen oder internationalen Ruhm durch sportliche Leistungen erlangt hat.

Aber als ich die Geschichte von Lion Heart, einem Oldenburger Wallach, hörte, war ich zutiefst gerührt, zutiefst bewegt. Ich musste für einen langen Moment inne halten und das Schicksal dieses Pferdes, das gleichzeitig zu einem schweren Schicksal seiner Besitzer Michaela und Michael wurde, auf mich wirken lassen – denn es ist ein Schicksal, das einen jeden Pferdebesitzer und Pferdeliebhaber an seine Grenzen bringt, in die Knie zwingt und es ist ein Schicksal, das im Grunde genommen ein Todesurteil für ein Pferd bedeutet.


Lion Heart erblickte am 05.06.2009 das Licht der Welt. Er war ein zuckersüßes und freundliches Hengstfohlen, doppelveranlagt, gesegnet mit einer guten Portion Lebensfreude – und, was in diesem Moment seinem Züchter Anton Burentje vielleicht noch gar nicht so bewusst war, mit einer ordentlichen Portion Lebenswillen, wie sich in Lion Hearts späteren Lebensverlauf noch erweisen sollte. Auch der Name Lion Heart, dem ihm sein Züchter gab, hätte nicht treffender sein können, denn Lion Heart würde wie ein Löwenherz um sein Leben und seine Gesundheit kämpfen.

Lion Heart wuchs, wie die meisten seiner Artgenossen, artgerecht in einer Fohlenherde auf und 2013 kaufte Michaela ihren von da an treuen Weg-Begleiter, der ihr, ihrem Mann Michael und ihrem Sohn Vincent viel Freude bereiten sollte. Bereits 4-jährig zeigte sich Lion Heart, der nachfolgend in der Erzählung Lio genannt wird, so, wie ihn auch seine Besitzerin liebevoll nennt, als ein sehr gutmütiges, ausgeglichenes Pferd. Er ist einer dieser Pferde, die ausschließlich durch ihr Wesen und ihre Anwesenheit die Herzen der Menschen erobert. Und so wurde Lio in sein neues zu Hause gebracht.

Sanfter Riese möchte ich ihn nennen, denn bereits 4-jährig, als Michael und Michaela ihn kauften, hatte er einen Stockmaß von 1,74 m.

Lios Schicksal ließ nicht lange auf sich warten. 4 Wochen später, nachdem er in sein neues zu Hause eingezogen war, ereilte Michaela ein Anruf aus dem Stall. Aufgelöst berichtete die Angestellte des Stallbetriebes ihr, dass Lio sehr schlecht ginge, er deutlich lahmte und sie möge doch umgehend ihren Tierarzt konsultieren. Selbstverständlich ließ Michaela alles stehen und liegen und eilte zu ihrem Pferd. Lio wurden umgehend Schmerzmittel und Boxenruhe verordnet und sollte sich keine Besserung innerhalb der nächsten 3 Tage einstellen, müssten weitere Untersuchungen vorgenommen werden. Und so kam es auch. Lio lahmte nach wie vor deutlich und die Diagnose, die daraufhin folgte, war mehr als erschütternd.

Michaela wurde in das Büro des Tierarztes gerufen, mit der Bitte, sich vor Bekanntgabe der Diagnose zu setzen. Ich brauche nicht beschreiben, welche Angst einem in diesem Moment Heim sucht, wie sehr man in diesem Moment ein unangenehmes Drücken in der Bauchgegend fühlt. Michaelas schrecklichen Gefühle bestätigten sich durch harte Fakten.

Die Röntgenbilder zeigten einen Bruch des Ellenbogens des linken Vorderbeines mit einer Schädigung der Gelenkskapsel. Um diese Diagnose mit anderen Worten wiederzugeben: eine konservative Behandlung mit ewig langer, absoluter Boxenruhe würde eine starke, schmerzhafte Arthrose nach sich ziehen – keine wirkliche Option für ein 4-jähriges Pferd. Der Versuch einer Operation eines Bruches bei einem Pferd birgt enorme Risiken mit einer nicht allzu mutbringenden Erfolgsquote, geschweige denn mit einer Garantie der vollständigen Genesung. Eine Euthanasie im Sinne einer Erlösung dieses Pferdes wäre nach dieser Diagnose berechtigt gewesen. Der Tierarzt übergab Lios Besitzern nichtsdestotrotz eine Überweisung in die Klinik Telgte, für den Fall, sie würden sich gegen eine Einschläferung entscheiden – aber entscheiden müssten sie sich sehr schnell, für welchen Weg auch immer.

Am gleichen Abend saßen Michaela und ihr Mann beisammen, tränenüberströmt, hilflos und überfordert. Was ist jetzt richtig? Was ist jetzt vor allem richtig für das Pferd? Sollen wir ihn erlösen? Sollen wir es wagen und ihn operieren lassen, ihm Dinge durch die Operation zumuten, die einem Fluchttier unverständlich sind?

Es war aber Lio, der letztendlich zu der Entscheidung beitrug. Am nächsten Tag, als Michaela in den Stall zu Lio fuhr, da stand er, wach, aufmerksam mit leuchtenden Augen und er schaute sie an, nahm freudig sein Halfter in sein Maul und erwartete den gewohnten Ablauf. Ab diesem Moment gab es keinen Grund mehr zu überlegen, was nun richtig und was nun falsch sei. Lio hatte alle Chancen der Welt verdient. Und diesmal weinte Michaela nicht mehr aus Verzweiflung, sondern aus Erleichterung, die sich in ihr breit machte. Am gleichen Tag noch telefonierte sie mit diversen Kliniken, es war für sie unglaublich wichtig, dass auch die Professoren, Ärzte und das Pflegepersonal der ausgewählten Klinik ihr und ihrem Mann menschlich zusagten, denn sie konnte nur ahnen, welch ein harter Weg auf sie und Lio zukommen würde. Ihr Gefühl sagte ihr bei dem Kontakt mit Professor K. der Klinik Kaufungen, dass Lio und sie genau bei ihm in den richtigen Händen waren.

Was Michaela und Michael in diesem Moment aber noch nicht wussten, war, dass es noch schlimmer kommen sollte.

Lio wurde in Kaufungen erneut untersucht. Neben dem Bruch des Ellenbogens und der Beschädigung der Gelenkskapsel lag noch ein Knochenriss des linken Oberarmes vor und der Fesselträger war, man kann es nicht anders nennen, zerfetzt – aber das hielt Professor K. nicht ab, Lio dennoch zu operieren. Sehr wichtig vor allem war, Lio nach dem Aufwachen aus der Narkose so schnell und so stabil wie möglich auf die Beine zu bringen, denn es war unumgänglich, den Ellenbogenbruch durch eine Platte zu stabilisieren, um eine ordentliche Heilung des Knochens zu gewährleisten. Würde Lio ungeschickt aufstehen, könnte die Platte reißen und eine Rettung wäre für Lio nicht mehr möglich.

Lio überstand die OP und stand ohne weitere Komplikationen nach dem Erwachen aus der Narkose auf. Daraufhin musste er 2,5 Monate an einer Aufhängung in einer Box verbringen, damit die Brüche ohne zu starke Belastung ausheilen konnten. Nach diesen 2,5 Monaten verbrachte Lio die nächsten 3 Monate zu Hause, der Fesselträgerschaden musste erst auskuriert werden, bevor Lio dann für wiederum weitere 3 Monate in einem Trainingsstall seine Rehabilitation antrat, in der unter anderem der schonende Muskelaufbau vorgenommen wurde.

Aber wie das Schicksal es wollte, wuchs Lio zu dieser Zeit, was zur Folge hatte, dass die einoperierte Platte sich stellenweise löste und Lio musste sich aufgrund dessen einer zweiten, nicht unerheblichen Operation unterziehen – wieder ein Bangen, wieder ein Hoffen, vor allem, dass der Wachstumsschub, der das Lösen der Schrauben bewirkte, den Knochen nicht in Mitleidenschaft gezogen hat. Während dieser zweiten Operation wurde die Platte entfernt, die Schrauben richteten keinen Schaden an – im Gegenteil: der Knochenbruch sowie die Fissur waren vollständig verheilt.

Lio verlor an keinem Tag in der Zeit nach seinem Unfall seinen Überlebenswillen. Er kooperierte mit allen Menschen, vor allem mit seiner kleinen Familie Michael, Michaela und Vincent, die sich in dieser Zeit um ihn kümmerten, mit ihm fieberten, für ihn hofften. Mehr noch: er eroberte im Sturm jedes Herz, das in seiner Nähe war. Keinen dieser Menschen, die ihn auf diesem Weg begleiteten, enttäuschte er. Im Gegenteil: er ermunterte sie, brachte sie zum Lachen, spielte und blieb in jeder Sekunde, was er schon immer war – ein lebensfrohes, freundliches Pferd, das lange noch nicht bereit war, auf die immergrünen Weiden zu gehen.

Lio wurde sanft wieder aufgebaut.

Lio wird keine Einschränkungen aufgrund dieses schrecklichen Unfalls, dessen Vorgang nicht bekannt ist, und der darauf folgenden Operationen haben.

Lio ist heute in der Dressur und im Springen auf einem soliden E-Niveau. Er wird nach wie vor von einer Chiropraktikerin regelmäßig behandelt und kontrolliert.

Verantwortungsbewusst und pflichterfüllt, wie Michaelas Familie ist, hatten sie eine OP-Versicherung für ihr Pferd. Dennoch sind Summen auf sie zugekommen, die ich in Zahlen nicht ausdrücken möchte, sagen möchte ich aber, dass Lion Heart aufgrund seines Wesens bereits vor dem Unfall unbezahlbar war. Er war in kürzester Zeit zu einem Freund geworden. Auch möchte ich nicht verschweigen, dass Michaela destruktiver Kritik ausgesetzt war, in einer Zeit, in der sie alleine durch dieses Schicksal, welches ihrem Pferd widerfahren ist, bereits in sich verunsichert und überfordert war und es nur 3 Dinge gab, die ihr den Weg wiesen: ihre Familie, ihr Pferd, ihr Herz.

Lios Besitzer haben mich sehr beeindruckt, weil sie diesen Weg auf sich genommen haben, weil sie ihrem Pferd ein zweites Leben ermöglicht haben, weil sie Kämpfe mit Herz und Verstand ausgestanden haben und weil sie sich von der Aussichtslosigkeit und deren Äußerung so mancher Stallkollegen und weiteren Personen nicht haben beirren lassen. Sie haben gezeigt und vorgelebt, dass es lohnt, zu kämpfen, zu wagen und zu hoffen, denn ihrem Pferd stehen nun alle Wege wieder offen.

Lio ist und bleibt für mich ein ganz besonderes Pferd. Ich werde seinen Weg weiter verfolgen. Er hat mich nicht durch sportliche Leistung bewegt, er hat mich zutiefst berührt, weil ihm widerfahren ist, was ihm widerfahren ist, weil er überstanden hat, was für ein Pferd nicht selbstverständlich ist, weil er keine Sekunde aufgegeben hat und auch in den schlimmsten Zuständen seinen Menschen gefallen wollte und ihnen immer ein Lächeln schenkte.

Auch möchte ich an dieser Stelle der Klinik Kaufungen meine Achtung aussprechen für dieses Wunder, das sie alle miteinander und gemeinsam vollbrachten – die reine, sehr komplizierte Operation mit einer unglaublichen Leistung sowie einer Folgetherapie, die Lion Heart eine Chance gab, die er, wie wir heute wissen, voll und ganz genutzt hat, wie es Löwenherzen eben tun, und letztendlich auch dafür, dass sie sich mit Lion Heart tagein und tagaus intensiv beschäftigt haben, und ihn auf diese Weise aufmunterten, weiter zu machen und sich nicht aufzugeben, vor allem zu den Zeiten, wenn Michael, Vincent und Michaela nicht bei ihrem Pferd sein konnten.

“Schaut her, Ihr, die Ihr mich totgesagt habt. Ich lebe und bin gesund.”

Wer Lios weiteren Weg mit verfolgen möchte, Lio hat eine eigene Seite:

Lion Heart – der sanfte Kämpfer

Auf dieser Seite berichtet Michaela vom weiteren Verlauf und vielen Erlebnissen mit Lio.

Und wer weitere Informationen zu dem Verlauf der Operationen, der Genesung, der Rehabilitation und allem, was damit zusammenhängt, hat, dem kann ich gerne einen Kontakt zu Michaela herstellen. Scheut Euch nicht, sie eine beeindruckende und liebe Persönlichkeit und beantwortet die Fragen gerne.

Über die Klassische Reitkunst und die Reitmeister mit Hinblick auf die Geschichte – Teil II

Wie in meinem Artikel “Über die Klassische Reitkunst und die Reitmeister mit Hinblick auf die Geschichte – Teil I”, der über Xenophon berichtet und den Ihr hier: Xenophon lesen könnt, handelt dieser Artikel von dem Vater der Klassischen Reitkunst:

Frederico Grisone
In den nächsten 1.000 Jahren nach Xenophon (430 vor Christus etwa geboren) folgte das Mittelalter, welches etwa vom 5. bis zum 16. Jahrhundert andauerte. Während dieser Zeit gewann die Reiterei eine völlig andere Bedeutung.

Die Pferde zu dieser Zeit mussten gänzlich andere Voraussetzungen mitbringen und erfüllen. Die Panzerreiterei, wie wir es heute nennen, gewann an Bedeutung, während die Reitkunst in den Hintergrund verschwand. Die Panzerrreitere legte keinen Wert auf wendige Pferde oder gar auf Pferde, die darüber hinaus auf feine Hilfen reagierten. Zu jener Zeit benötigten die Europäer für ihre Kriege und Kreuzzüge schwere, dem Kaltblüter ähnelnde Pferde. Es mussten Pferde sein, die im Stande waren, etwa 400 Pfund, also 200 Kilogramm, zu tragen – denn so viel wog ein Ritter in seiner Rüstung. Und ein Ritter, der eine Rüstung trug, war nicht in der Lage, feine Hilfen zu geben. Ein scharfes Gebiss und überdimensionierte Sporen sorgten für den nötigen Gehorsam und letztendlich musste das Pferd nur geradeaus galoppieren können.

Erst, als die Schusswaffen erfunden wurden, kam die Wende und man benötigte wieder feinfühlige, schnelle und wendige Pferde, die es auszubilden galt.

Und so stoßen wir zu Frederico Grisone, dem Vater der Klassischen Reitkunst, der 1532, beeinflusst von den Leitsätzen Xenophons, allerdings mit eigener Interpretation derer, die erste Reitakademie in Neapel gründete.

Nun war Frederico Grisone nicht nur von den Leitsätzen Xenophons beeinflusst, sondern auch von der Brutalität des Mittelalters geprägt. Grisones Ausbildungsmethoden entsprachen der damaligen Zeit und waren deshalb in einem sehr hohen Maße von Gewalt und Brutalität geprägt. Im Gegensatz zu Xenophon verlangte Grisone die bedingungslose Unterordnung des Pferdes unter den Menschen.

So schrieb Grisone in seinem Werk “Künstlicher Bericht und erzierlichste Beschreybung” (1550), dass Gehorsam zur Harmonie führt, in seiner Theorie eben durch andere Mittel, als Xenophon sie nutzte. Mittel, die für uns heute unvorstellbar und eher Quälereien entsprechen würden, zur damaligen Zeit aber der Normalität entsprachen.

Ein Beispiel seiner Ausbildungsweise möchte ich wiedergeben:

Zitat: “Wenn Dein Pferd stehenbleibt oder rückwärts geht, stelle einen Mann hinter ihm auf, der auf einen langen Stock eine böse Katze so gebunden hat, dass sie mit dem Bauch nah oben im freien Gebrauch ihrer Krallen und ihres Gebisses ist. Der Mann soll die Katze dicht an die Schenkel des ungehorsamen Pferdes halten, damit sie kratzen und beißen kann”.

Grisone verdankt den Titel “Vater der Reitkunst” nicht etwa seinen Foltermethoden. Er gründete die erste Reitakademie in Neapel und aus seiner Schule sind zwei weitere Reitmeister hervorgegangen. Antoine de Pluvinel (1555 – 1620) und Salomon de la Broule (1530 – 1610).

Ich persönlich würde nach heutigem Standard, nach allem was ich über die Ausbildungsmethoden Grisones gelesen habe, seine Reitakademie als Gewaltschule bezeichnen – aus damaliger Sicht entsprachen seine Ausbildungsmethoden dennoch durchaus der Norm und die Reitakademie genoss weitreichend den besten Ruf.

Neben der Gründung der Reitakademie in Neapel verdiente Grisone sich den Titel des Vaters der Reitkunst auch dadurch, dass es seine Erkenntnis war, dass die Trabarbeit die Hinterhand des Pferdes stärkt. Zur damaligen Zeit hatte der Trab noch keinerlei Bedeutung. Man konzentrierte sich eher auf den Galopp.

Auch legte Grisone als Erster Wert auf den Hankenbug (heute: Hankenbeugung) und trainierte dies, indem er seine Pferde rückwärts den Hang hinaufritt.

Ebenso stellte er fest, dass Reiten im Kreise die Hankenbeugung fördert und schließlich war er es, der diesem Kreis den Namen “Volte” verlieh.

Auch brachte dieser Reitmeister den Fachausdruck Kapriole (Bedeutung: wenn das Pferd auf Kommando durch einen Sprung mit allen vier Beinen in der Luft befindet) in die Reiterei. Die Kapriole zählt heute zur Hohen Schule.

Es war Grisone, der das wichtige Zusammenspiel der Hilfen erkannte. Dazu muss erwähnt werden, dass zur damaligen Zeit Hilfen den Charakter von Strafen hatte.

Über die Klassische Reitkunst und die Reitmeister mit Hinblick auf die Geschichte – Teil I

Teil I:

Xenophon

Unter Klassischer Reitkunst versteht man nicht ausschließlich Pferdeshows mit Barockpferden oder gar das, was sich aus der Kavalleriereiterei Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt hat.

Anja Beran definiert die Klassische Reitkunst folgendermaßen (leicht durch mich abgewandelt):

Die Klassische Reitkunst ist die Fähigkeit, das Pferd durch Güte und logisch aufgebaute Übungen, die auf den Naturgesetzen von Gleichgewicht und Harmonie basieren, so auszubilden, dass es sich zufrieden und selbstbewusst dem Willen des Reiters hingibt, ohne dass sein natürlicher Bewegungsablauf auf irgendeine Art darunter leidet. Ein weiteres Ziel ist die Minimierung der Reiterhilfen.

Wenn man sich mit der klassischen Reitkunst befasst, wenn man verstehen möchte, was mit Reitkunst gemeint ist, wie sich die Reiterei im allgemeinen entwickelt hat, müssen wir zeitlich weit zurückgehen und so treffen wir auf Xenophon, der etwa 430 vor Christus geboren wurde.

Sokrates (ca. 470 – 399 vor Christus)

Xenophon war Schüler des Philosophen Sokrates (ca. 470 – 399 vor Christus) und dadurch stark von der Lehre der Wahrheitsfindung beeinflusst. Diese Lehre basierte auf der Suche nach dem Sein der Dinge, den Gründen für das Handeln, Leiden und Denken. Xenophon war nicht nur Schüler des Sokrates, er war auch Krieger und er liebte Pferde.

Wir verdanken Xenophon die ältesten und vollständig erhaltenen Wekre zur Reitkunst:

  • “Über die Reitkunst” und
  • “Der Reitoberst”.

Xenophon sagte bereits zu Lebzeiten: “Wenn jemand ein Prunkpferd verlangt, das freiwillig lebhaft ist und mitarbeitet, so muss man wissen, dass nicht alle dieser Gaben fähig sind, sondern nur diejenigen, welche mit einer stolzen Seele einen starken Körper verbinden. Allen, die mit Tieren umgehen, sei eindringlich zugerufen: Vergeht Euch nicht an der stolzen Seele!”

Ich erinnere: Diese Worte sind fast 2.500 Jahre alt.

Aufgrund der Tatsache, dass Xenophon auch Krieger war, wusste er nur zu gut, wie überlebenswichtig ein gehorsames und gut gerittenes Pferd war. Geprägt durch seinen Lehrer Sokrates machte sich Xenophon intensive Gedanken über die Pferde, die in seinen Händen waren, über die Reitweise und über die Ausbildung der Remonten. So findet sich auch dieses Zitat: “Ein Geschöpf, dem man sein Leben anvertraut, sollte seinem Reiter bereitwillig Folge leisten. Doch das erreicht man nicht durch Gewalt, sondern nur durch liebevolle Überzeugung”. Und somit besaß Xenophon ein hohes ethisches Verantwortungsbewusstsein. Aus seiner Sicht hatte das Pferd eine eigene Persönlichkeit, die es zu respektieren galt und noch mehr: Es sollte ein Partner für den Menschen sein und ihm nicht als Knecht dienen müssen.

Xenophon wusste bereits damals, dass ein Pferd trainiert werden muss, um ein gutes Reitpferd zu werden und zu sein.

Zitat: “Unfolgsame nutzen im Kampf mehr den Feinden als den Freunden.”

Über den Reitersitz vermittelt uns Xenophon folgendes (Anmerkung: damals wurde noch ohne Sattel geritten):  “Aber einen Sitz wie auf einem Sessel mit hochgezogenen Knien kann ich durchaus nicht loben. Richtig sitzt der Reiter, wenn er mit beiden Schenkeln gespreizt aufrecht, als ob er steht, auf dem Pferd sitzt. Denn auf diese Art wird er mit beiden Oberschenkeln sich mehr am Pferd festhalten, er reitet mit festerem Schluss und da er aufrecht ist, hat er mehr Kraft, vom Pferd herab den Wurfspieß zu schleudern oder auf die Feinde einzuschlagen. Vom Knie abwärts muss er das Schienenbein mit dem Fuß schlaff herabhängen lassen. Denn wenn er das Bein steif hält, würde er, wenn er an etwas anstößt, sich das Bein zerbrechen. Ist aber das Schienenbein leicht beweglich, so kann es, wenn e an etwa anstößt, nachgeben und den Oberschenkel dann gar nicht von der Stelle bewegen. Der Reiter muss auch seinen Körper oberhalb der Hüften daran gewöhnen, so leicht beweglich wie möglich zu sein. Denn so wird er sich noch viel mehr anstrengen können, und wenn ihn einer stößt oder zerrt, kann er weniger leicht vom Pferd geworfen werden.”

Ein weiteres Zitat von Xenophon, inspiriert von Simon (Anmerkung: Simon war ebenfalls ein Schriftsteller früherer Zeit, leider sind seine Überlieferungen nicht vollständig erhalten), das mir sehr gut gefällt, lautet: “Der Reiter, der ihm nichts zuleide tut, erzürnt es auch nicht. Denn was das Pferd gezwungen tut, das versteht es nicht, wie auch Simon gesagt hat.”