Wie in meinem Artikel „Über die Klassische Reitkunst und die Reitmeister mit Hinblick auf die Geschichte – Teil I“, der über Xenophon berichtet und den Ihr hier: Xenophon lesen könnt, handelt dieser Artikel von dem Vater der Klassischen Reitkunst:

Frederico Grisone

In den nächsten 1.000 Jahren nach Xenophon (430 vor Christus etwa geboren) folgte das Mittelalter, welches etwa vom 5. bis zum 16. Jahrhundert andauerte. Während dieser Zeit gewann die Reiterei eine völlig andere Bedeutung.

Die Pferde zu dieser Zeit mussten gänzlich andere Voraussetzungen mitbringen und erfüllen. Die Panzerreiterei, wie wir es heute nennen, gewann an Bedeutung, während die Reitkunst in den Hintergrund verschwand. Die Panzerrreitere legte keinen Wert auf wendige Pferde oder gar auf Pferde, die darüber hinaus auf feine Hilfen reagierten. Zu jener Zeit benötigten die Europäer für ihre Kriege und Kreuzzüge schwere, dem Kaltblüter ähnelnde Pferde. Es mussten Pferde sein, die im Stande waren, etwa 400 Pfund, also 200 Kilogramm, zu tragen – denn so viel wog ein Ritter in seiner Rüstung. Und ein Ritter, der eine Rüstung trug, war nicht in der Lage, feine Hilfen zu geben. Ein scharfes Gebiss und überdimensionierte Sporen sorgten für den nötigen Gehorsam und letztendlich musste das Pferd nur geradeaus galoppieren können.

Erst, als die Schusswaffen erfunden wurden, kam die Wende und man benötigte wieder feinfühlige, schnelle und wendige Pferde, die es auszubilden galt.

Und so stoßen wir zu Frederico Grisone, dem Vater der Klassischen Reitkunst, der 1532, beeinflusst von den Leitsätzen Xenophons, allerdings mit eigener Interpretation derer, die erste Reitakademie in Neapel gründete.

Nun war Frederico Grisone nicht nur von den Leitsätzen Xenophons beeinflusst, sondern auch von der Brutalität des Mittelalters geprägt. Grisones Ausbildungsmethoden entsprachen der damaligen Zeit und waren deshalb in einem sehr hohen Maße von Gewalt und Brutalität geprägt. Im Gegensatz zu Xenophon verlangte Grisone die bedingungslose Unterordnung des Pferdes unter den Menschen.

So schrieb Grisone in seinem Werk „Künstlicher Bericht und erzierlichste Beschreybung“ (1550), dass Gehorsam zur Harmonie führt, in seiner Theorie eben durch andere Mittel, als Xenophon sie nutzte. Mittel, die für uns heute unvorstellbar und eher Quälereien entsprechen würden, zur damaligen Zeit aber der Normalität entsprachen.

Ein Beispiel seiner Ausbildungsweise möchte ich wiedergeben:


Zitat: „Wenn Dein Pferd stehenbleibt oder rückwärts geht, stelle einen Mann hinter ihm auf, der auf einen langen Stock eine böse Katze so gebunden hat, dass sie mit dem Bauch nah oben im freien Gebrauch ihrer Krallen und ihres Gebisses ist. Der Mann soll die Katze dicht an die Schenkel des ungehorsamen Pferdes halten, damit sie kratzen und beißen kann“.


Grisone verdankt den Titel „Vater der Reitkunst“ nicht etwa seinen Foltermethoden. Er gründete die erste Reitakademie in Neapel und aus seiner Schule sind zwei weitere Reitmeister hervorgegangen. Antoine de Pluvinel (1555 – 1620) und Salomon de la Broule (1530 – 1610).

Ich persönlich würde nach heutigem Standard, nach allem was ich über die Ausbildungsmethoden Grisones gelesen habe, seine Reitakademie als Gewaltschule bezeichnen – aus damaliger Sicht entsprachen seine Ausbildungsmethoden dennoch durchaus der Norm und die Reitakademie genoss weitreichend den besten Ruf.

Neben der Gründung der Reitakademie in Neapel verdiente Grisone sich den Titel des Vaters der Reitkunst auch dadurch, dass es seine Erkenntnis war, dass die Trabarbeit die Hinterhand des Pferdes stärkt. Zur damaligen Zeit hatte der Trab noch keinerlei Bedeutung. Man konzentrierte sich eher auf den Galopp.

Auch legte Grisone als Erster Wert auf den Hankenbug (heute: Hankenbeugung) und trainierte dies, indem er seine Pferde rückwärts den Hang hinaufritt.

Ebenso stellte er fest, dass Reiten im Kreise die Hankenbeugung fördert und schließlich war er es, der diesem Kreis den Namen „Volte“ verlieh.

Auch brachte dieser Reitmeister den Fachausdruck Kapriole (Bedeutung: wenn das Pferd auf Kommando durch einen Sprung mit allen vier Beinen in der Luft befindet) in die Reiterei. Die Kapriole zählt heute zur Hohen Schule.

Es war Grisone, der das wichtige Zusammenspiel der Hilfen erkannte. Dazu muss erwähnt werden, dass zur damaligen Zeit Hilfen den Charakter von Strafen hatte.


In dem nächsten Artikel zur Klassischen Reitkunst und die Reitmeister wird über Antoine de Pluvinel und Salomon de la Broule berichtet. Dieser Artikel wird unter anderem weitere Ausbildungsmethoden Grisones darstellen, der zum Einen die Brutalität der Ausbildungsmethoden zeigt, zu Anderen aber auch den Wandel abhandeln wird.

 

Quelle Bild: Frederico Grisone, L'Histoire pittoresque de l'équitation
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3 thoughts on “Über die Klassische Reitkunst und die Reitmeister mit Hinblick auf die Geschichte – Teil II

  1. Hallo sowhat1705,
    ich habe ihren artikel gelesen und fand ihn sehr passend für meine Seminararbeit (Thema: Die Geschichte der Reitkunst am Beispiel „Dressurreiten“) allerings muss ich auch immer meine Quellen vollständig angeben und deshalb wollte ich sie fragen ob sie mir evtl ihren richtigen Namen nennen könnten weil ich diese Quelle sonst nicht verwenden darf…

    Vielen Dank im Voraus

    Gefällt mir

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