Ich schreibe sehr gerne über Pferde – Pferde, die zu unbeschreiblichem Ruhm gelangt sind, Pferde, deren Namen uns allen ein Begriff ist, internationale Sportpferde, Pferde, die zu Legenden wurden und deren Geschichte und vollbrachte Leistungen noch heute uns Reiter tief beeindrucken und bewegen.

Das ist zum Beispiel Halla, deren Geschichte Ihr hier:  Halla nachlesen könnt, Meteor – seine Geschichte findet Ihr hier: Meteor – das erfolgreichste Springpferd Deutschlands, oder auch zum Beispiel Weltmeyer, dessen Leben hier: Wie aus einem Weltwunder ein Weltmeyer wurde, um als Weltwunder zu gehen… nachzulesen ist.

Aber es gibt sie auch, diese anderen Pferde, die man nicht kennt, von denen man nie etwas gehört hat, man nie etwas über sie hören wird, aber deren Geschichte einen nicht loslässt, ebenso tief bewegt und manchmal leider auch sehr traurig macht.

Ich möchte ihre Geschichten erzählen, die Lebensgeschichten der Pferde, ihnen die Aufmerksamkeit schenken, die ihnen aufgrund des fehlenden Ruhmes verwehrt blieb.

Und beginnen möchte ich mit einer sehr traurigen Geschichte über ein Pferd, das man Amigo nannte…

Ich lernte Amigo damals kennen, als ich auf der Suche nach einer Reitbeteiligung war. Als mir die Pächter des Reitstalls ihre Pferde vorstellten, war Amigo eines von ihnen. Ein großer, brauner Wallach mit einer sehr schön gezeichneten Blesse. Er kam mir etwas dünn vor und unterbemuskelt, aber insgesamt machte er mir einen sensiblen, aber wohlgesinnten und freundlichen Eindruck. Amigo wurde von einem Händler abgekauft und seine relativ neue Aufgabe bestand nun darin, sein Leben als Schulpferd zu verbringen.

Da ich eine Reitbeteiligung in besagtem Reitstall gefunden hatte, konnte ich Amigo besser kennenlernen. Mein erster Eindruck täuschte mich nicht. Amigo war ein sehr sensibles Pferd, das massiv zu Koliken neigte. Da seine gutmütige und stets freundliche Art schnell erkannt wurde, war er das Pferd, das am meisten für Kinder und Reitanfänger genutzt wurde und so mehrere Stunden am Tag als Schulpferd funktionieren musste. Es machte mich traurig, das mit anzusehen, für mich war Amigo das typische Ein-Mann-Pferd. Er hätte einen Menschen gebraucht, auf den er sich hätte einlassen können, ihm vertrauen hätte können und der für sein Wohlbefinden gesorgt hätte.

Aber es war nun mal nicht so.

Dennoch kam der Tag, da sprach ich die Stallbetreiber an und sagte ihnen, dass es sich doch um einen Teufelskreis bei diesem Pferd handele, diese vielen wechselnden Reiter, dieses Rumgeplumpse auf seinem Rücken, das stresst ihn und dieser Stress wiederum führt bei ihm zu Koliken. Er frisst diesen Stress doch regelrecht in sich hinein. Dieses Pferd ist alles andere als dazu geeignet, ein Schulpferd zu sein. Aber die Stallbetreiber hatten keine andere Wahl, schließlich hatten sie ein Unternehmen zu führen und dies bedeutete auch, Reitunterricht zu erteilen, um das notwendige Geld zu verdienen. Und so leistete Amigo seine Dienste. Bis an jenen Tag…

Amigo litt mal wieder an einer Kolik, aber diesmal war es anders. Diesmal war es ernst. Diesmal hatte er unglaubliche Schmerzen und alles was sich nun ereignete, wurde mir berichtet. Ich selbst habe es nicht gesehen, nicht miterlebt, aber tief in mir bin ich dankbar, dass ich an diesem Tag in weiter Ferne war.

Wir wissen, dass Pferde, die eine (Krampf)Kolik haben, geführt werden sollen, gleichmäßig im Schritt, damit die Verdauung angeregt wird. Die Stallbetreiber hielten es für sinnvoller, Amigo auf die Koppel zu stellen und ihn mit einer Longierpeitsche über die Koppel zu jagen. Und wenn ich jagen schreibe, dann meine ich das genau so. Amigo rannte, stresste sich immer mehr und jedes Mal, wenn er versuchte, sich hinzulegen, um sich zu wälzen, wurde er noch massiver getrieben, bis Amigo die Angst vor der Peitsche verlor, weil er die Schmerzen nicht mehr ertrug und sich hinschmiss.

Die Tierärztin wurde gerufen und war auf dem Weg. Amigo wälzte und wälzte sich und begann, sich mit den Hinterhufen zu schlagen, gegen den Bauch, gegen seinen Kopf; er scharrte an seinem eigenen Körper, bis er blutete und die Haut schließlich platzte. Sein Bauch sah aus wie ein Ballon, man hätte meinen können, er explodiert jeden Moment.

Als die Tierärztin eintraf, empfahl sie, Amigo sofort von seinem Leiden zu erlösen, es gäbe keine Hoffnung mehr für ihn.

Die Stallbetreiber, die inzwischen vermutlich völlig überfordert waren mit dieser Situation, stimmten dem Vorschlag der Euthanasie nicht zu und ließen den Kollegen der sich vor Ort befundenen Tierärztin kommen, um sich eine Zweitmeinung einzuholen.

Aber bis der Tierarzt eintraf, ist Amigo elend und mit unvorstellbaren Schmerzen verendet. Es konnte nur noch der Tod festgestellt werden.

Als mir davon berichtet wurde, ist mein Herz für einen Moment still gestanden. Und auch jetzt, während ich die Geschichte dieses für so viele Menschen unbedeutende Pferdes schreibe, empfinde ich unglaubliches Mitleid für dieses so freundliche Pferd.

Lieber Amigo, jetzt, da Du schmerzfrei und vor allem frei da oben über die Felder galoppieren kannst und keinem Menschen mehr Dienste erbringen musst, sei einfach glücklich. Manchmal wissen Menschen nicht, was sie tun und treffen Fehlentscheidungen. Du warst für mich ein tolles Pferd und hast mir gezeigt, was für eine unendliche Güte ihr Pferde in Euch tragt; auch wenn ich mir heute wünsche, Du hättest Deine Dienste in den letzten kurzen Jahren Deines Lebens nicht so pflichtbewusst erfüllt und Dich ein bisschen gewährt.

Tja, das ist die Geschichte von Amigo, die ich mit Sicherheit in meinem Leben nicht vergessen werde.

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One thought on “Amigo, das (Kolik) Pferd

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